• Nina Hartmann
  • 20.07.2025

Nachfolgen im Patriarchat

Nachfolge im Familienunternehmen: So veränderst du patriarchale Strukturen, ohne dich selbst zu verlieren

Nachfolgen im Patriarchat

Als Nachfolgerin ein männliches System verändern – ohne dich selbst zu verlieren

Wenn du als Nachfolgerin in ein Familienunternehmen einsteigst, übernimmst du nicht nur eine Position. Du trittst in ein System ein. Oft ist dieses System über Jahrzehnte von Männern geprägt worden: in Sprache, in Regeln, in Loyalitäten, in Macht.

Und wenn wir ehrlich sind: Das spürst du nicht erst im Organigramm. Du spürst es im Bauch.

Denn der Einstieg als Nachfolgerin ist selten ein neutraler Rollenwechsel. Er ist fast immer auch ein emotionaler Rollenwechsel – besonders dann, wenn der Patriarch der eigene Vater ist. Plötzlich stehst du an der Schnittstelle aus Familie und Führung, aus Herkunft und Verantwortung. Und du willst zwei Dinge gleichzeitig: Wirksam sein und dich wohlfühlen.

Das geht. Aber es geht nicht über Harmonie um jeden Preis. Es geht über Klarheit.

1) Der Patriarch ist nicht nur „Vater“ – er ist eine Institution

In vielen Familienunternehmen ist der Vater nicht einfach der Mensch, der dich großgezogen hat. Er ist „der, der das gebaut hat“. Mit all der Identität, die daran hängt. Sein Blick ist nicht selten: „Ohne mich gäbe es das hier nicht.“ Und das stimmt ja auch. Und du liebst diesen Vater und willst ihn nicht verletzen.

Wenn du versuchst, ihn frontal zu entmachten, wird das System dich bestrafen: mit Widerstand, mit Loyalitätskampagnen, mit subtiler Sabotage.

Wenn du versuchst, ihn zu schonen, indem du ihn weiter in der operativen Steuerung lässt, wird das System dich ebenfalls bestrafen: mit Unklarheit, Schattenhierarchien und dauerhaften Kompetenzkonflikten.

Der Weg dazwischen ist erwachsen, liebevoll und sehr klar:

Würdigung + neue Platzierung.

Nicht: „Du bist das Problem.“
Sondern: „Deine Erfahrung ist wertvoll. Und ab jetzt brauche ich dich in einer anderen Funktion.“

Die Beraterrolle ist hier Gold wert – wenn sie sauber definiert ist:

  • Einfluss ja

  • operative Steuerung nein

  • definierte Formate, definierte Themen, definierte Grenzen

Viele Patriarchen können damit leben, wenn sie nicht das Gefühl haben, entsorgt zu werden. Sie wollen Bedeutung. Du gibst ihnen Bedeutung – und nimmst ihnen die operative Macht.

Das ist keine Taktik. Das ist Systemarbeit.

2) Change funktioniert über Beteiligung – aber nicht über Basisdemokratie

In patriarchal geprägten Unternehmen sind Menschen oft gewohnt, dass Entscheidungen „von oben“ kommen. Gleichzeitig gibt es unterschwellige Abhängigkeiten und Ängste: Wer widerspricht, verliert. Wer sich zu nah an die Nachfolgerin stellt, wird beobachtet. Wer neutral bleibt, ist sicher.

Ein sauberer Change-Prozess heißt deshalb:
Betroffene zu Beteiligten machen.

Beteiligung heißt:

  • zuhören, ohne sofort zu verteidigen

  • verstehen, woher Widerstand kommt (oft ist er Schutz)

  • transparent machen, was sich ändert und was nicht

  • klare Rollen definieren: Wer wird einbezogen, wer entscheidet?

Wichtig: Beteiligung bedeutet nicht, dass alle entscheiden dürfen. Es bedeutet, dass Menschen die Logik verstehen und sich wiederfinden können, ohne den Kurs zu bestimmen.

Du brauchst nicht „alle glücklich“. Du brauchst Ausrichtung.

3) Mikropolitik ist kein „Gerüchtethema“ – sie ist das Betriebssystem

Wenn ein System patriarchal war, ist es oft auch mikropolitisch: Entscheidungen werden nach Meetings gemacht. Macht läuft über Nähe. Status wird über informelle Kanäle geregelt. Konflikte werden nicht offen ausgetragen, sondern über Umwege.

Wenn du Mikropolitik ignorierst, wirst du überrascht. Immer wieder.

Eine Strategie dagegen ist nicht moralisch, sondern professionell:

  • Allianzen bewusst aufbauen (nicht zufällig hoffen)

  • informelle Macht sichtbar machen: Wer beeinflusst wen? Wer hat Zugang zu wem?

  • klare Kommunikationslinien: Wer entscheidet was, ab wann, aus welchen Gründen?

  • Dokumentation: Damit Nebelwände nicht funktionieren („Das war nie so gemeint.“)

Mikropolitik lässt sich nicht abschaffen. Aber sie lässt sich entzaubern, wenn du Klarheit und Struktur durchziehst.

4) Der Pleaser in dir ist nicht dein Feind – aber er darf nicht führen

Viele Nachfolgerinnen tragen einen inneren Anteil in sich, der sehr früh gelernt hat:
Wenn Papa zufrieden ist, ist Frieden.

Dieser Anteil ist verständlich. Er hat dich vermutlich durchs Leben gebracht. Aber in einer Nachfolge-Situation ist er gefährlich. Weil er dich in alte Muster zieht:

  • du erklärst zu viel

  • du weichst Konflikten aus

  • du willst es allen recht machen

  • du wirst leise, wo du klar sein müsstest

Die Lösung ist nicht „den Pleaser wegmachen“. Die Lösung ist:
ihn in den Arm nehmen – und in Urlaub schicken.

Das ist erwachsene Führung: Du darfst empathisch sein und trotzdem entscheiden. Du darfst freundlich sein und trotzdem Grenzen setzen. Du darfst respektvoll sein und trotzdem unbequem.

5) Unangenehme Entscheidungen durchziehen – manchmal bewusst als Signal

Es gibt Entscheidungen, die sind inhaltlich hart. Und es gibt Entscheidungen, die sind kulturell entscheidend.

Ein patriarchales System testet neue Führung fast immer:
Wie ernst meint sie es? Hält sie Druck aus? Knickt sie ein, wenn es ungemütlich wird?

Manchmal braucht es deshalb ein bewusstes Zeichen:

  • konsequentes Durchgreifen bei Grenzüberschreitungen

  • klare Trennung von Rolle und Person

  • Standards, die nicht verhandelbar sind

Das fühlt sich oft brutal an, weil du innerlich noch im Familiensystem bist. Aber genau hier entsteht Autorität: nicht aus Lautstärke, sondern aus Konsequenz.

6) Geduld heißt nicht abwarten – Geduld heißt nachhalten

Kulturwandel ist langsam. Und ja, du brauchst Geduld. Aber Geduld ist nicht Passivität. Geduld ist Wiederholung.

Neue Regeln müssen mehrfach „gewonnen“ werden, bevor sie Normalität sind. Das ist kein Rückschritt, sondern Systemlogik.

Das, was du brauchst, ist:

  • dranbleiben

  • klar bleiben

  • wiederholen

  • nicht persönlich nehmen

7) Netzwerk und Sparring sind kein Luxus – sie sind strategische Hygiene

Nachfolge ist isolierend. Du kannst im Unternehmen nicht alles sagen. In der Familie schon gar nicht. Und deine Freunde verstehen oft nicht, was da wirklich passiert.

Darum ist Austausch entscheidend:

  • ein Netzwerk mit anderen Nachfolgerinnen

  • ein vertraulicher Kreis, der ähnliche Dynamiken kennt

  • eine Sparringspartnerin oder Mentorin, die zuhört, ohne emotional betroffen zu sein

Das ist nicht „nice to have“. Das ist Selbstschutz. Und es ist die Basis dafür, dass du nicht im System stecken bleibst.


Der Kern: Raus aus der Tochterrolle – rein in die Unternehmerinnenrolle

Am Ende ist es immer dieselbe Bewegung. Du gehst aus der inneren Tochterposition in eine erwachsene Führungsposition.

Das ist kein Akt von Härte. Es ist ein Akt von Klarheit.

Du darfst den Vater würdigen, ohne dich zu unterwerfen.
Du darfst alte Führungskräfte respektieren, ohne dich klein zu machen.
Du darfst die Kultur verändern, ohne dich selbst zu verlieren.

Und du darfst dir Unterstützung holen – nicht weil du schwach bist, sondern weil du klug bist.

Wenn du Lust hast, mit mir darüber zu sprechen, dann lass uns hier unverbindlich kennenlernen. Ich bin neugierig auf deine Geschichte.

Herzlichst Nina